Der Busfahrer wohnte im selben Block wie ich. Was einerseits praktisch war, weil ich ihm Geld zustecken konnte (damit er an der Haltestelle auf mich wartete), andererseits gefährlich, weil ich morgens immer nachlässiger wurde und des Öfteren ganze fünf Minuten zu spät kam. Die wütenden Fahrgäste fragten sich natürlich allmählich, was los sei, und es war nur eine Frage der Zeit, bis sie entweder mir oder dem Busfahrer an die Gurgel springen würden. Bedauerlicherweise traf es schliesslich den Busfahrer, und nun mache ich seinen Job schon seit drei Monaten.
Bestochen hat mich bisher niemand.
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Der erste Schultag, und er brachte die Tür zum Klassenzimmer nicht auf.
Dahergelaufener: du musst fester drücken.
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„Lass uns über diesen Mann reden.“
„Gut.“
„Er steht seltsam gekrümmt da. Warum?“
„Ich weiss es nicht.“
„Vielleicht hat er seinen Körper verlassen.“
„Das würde ich auch gerne können. Was er wohl gerade erlebt?“
„Etwas Schönes. Glaube ich. Siehst du, wie er lächelt?“
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„Warum schreibst du eigentlich immer nur deine verdammten Science-Fiction-Romane?“, fragte ich den Roboter.
Er sah finster auf.
„Warum stellst du eigentlich immer nur dumme Fragen?“, entgegnete er.
„Aber ich meine es ernst“, gab ich zurück, „warum ausgerechnet Science-Fiction?“
Er legte das Buch, das er in der Hand gehalten hatte, flach auf den Tisch.
„Weisst du“, erklärte ich, „ich finde, du schränkst dich damit zu sehr ein. Du könntest doch viel bessere Sachen schreiben. Wie wär’s mit einem Krimi? Oder einem absurden Roman? Oder ein Mischmasch aus allem?“
„Absurd?“
Ich nickte.
„Jeder schreibt doch heutzutage ‚absurden‘ Schrott.“
„Sowas meinte ich auch nicht damit“, präzisierte ich. „Mir geht es eher darum, dir neue Wege aufzuzeigen.“
Der Roboter legte nachdenklich den Finger an den Mund. Dann drehte er den Kopf einmal um die eigene Achse.
„Ich glaube, du verstehst da was falsch“, meinte er schliesslich, „Science-Fiction ist doch insgesamt auch nur eine Kategorie, wie ein Krimi oder meinetwegen Fantasy. Was sollte es schon für eine Rolle spielen, ob ich diese oder jene Genregrenzen einhalte oder nicht einhalte? Letztlich ist das doch vollkommen egal, solange Herz und Hirn dahintersteckt.“
„Ich kenne so einige Leser, die Raumschiffen nichts abgewinnen können.“
„Scheiss auf die.“
„Aber …“
Nun wurde der Roboter wütend. Er stampfte auf und beugte sich über den Tisch. „Ich komme nun mal von der Zukunft. Also lass mich gefälligst über die Zukunft schreiben und hör mit deinem Gesülze auf!“
Ich seufzte. Schade – ihm fiel wirklich nichts Besseres ein.
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Georg war neunzehn, ich zwanzig, und der Deutschunterricht ging uns am Arsch vorbei. Bis uns die Schweinearmee denselben aufriss.
Aber der Reihe nach.
Meine Abneigung gegen Literatur fing etwa so mit 15 oder 16 an, als uns Goethe in den Rachen gestopft wurde, dazu C.F. Meyer, H.L. Wagner, J.M.R. Lenz, E.T.A. Hoffmann u.s.v.w.m. (und sehr viele weitere mehr). Zugegeben, auch Harry Potter hatte mich als Kind nicht sonderlich interessiert, aber das spielte keine Rolle, denn an jenem heissen Nachmittag an jenem heissen Juli setzte uns der Deutschlehrer (ein Arschloch) Kafka vor.
Kafka. Ich hatte ihn nie gemocht. Wie alles, das mit Literatur und nichts mit Georgs Joint-Witzen zu tun hatte. Es waren eigentlich keine richtigen Witze, aber irgendwie schon. Er konnte einfach alles, das er sich in den Mund steckte, wie einen Joint aussehen lassen, seien es Bananen, Orangen oder Bleistiftspitzer. Während der Lehrer über den Begriff der Schuld in Kafkas „Prozess“ laberte, kaute Georg an einem Filzstift herum. Ich grinste und warf ihm ein zerknülltes Papier an den Kopf.
Der Lehrer schaute kurz von seinen Notizen auf und fuhr dann fort, als sei nichts gewesen.
Ich liess meinen Blick aus dem Fenster wandern und zupfte am T-Shirt herum. Georg hatte das Papier zurückgeworfen, es war auf dem Boden neben Lauras Stuhl gefallen.
„Literatur interessiert doch kein Schwein“, raunte ich ihr zu.
Sie schaute genervt weg.
Ich wusste nicht, weshalb ich das sagte. In Anbetracht dessen, was folgte, hätte ich es wohl besser nicht gesagt. Wie auch immer: unser Deutschlehrer war anderer Meinung. Natürlich liess er sich bis zum Ende der Stunde davon nichts anmerken (dazu war er zu feige), nur ganz am Schluss, als ich noch länger im Zimmer blieb, weil mir das Etui aus der Hand gerutscht und die Stifte auf den Boden gekullert waren, räusperte er sich.
„Literatur“, sagte er.
Wir standen einander gegenüber, ich zur Salzsäule erstarrt, er mit gerunzelter Stirn, beide in argwöhnischer Erwartung. Gott, war das dumm.
„Können Sie mir Ihren Standpunkt bezüglich Literatur noch einmal darlegen?“, fragte er endlich.
Ich biss die Zähne aufeinander.
„Na?“, fragte er drohend und klopfte auf den Tisch.
„Nun ja“, erwiderte ich – scheiss drauf – „all diese Bücher hauen die Jugend von heute doch nicht mehr vom Hocker. Wir haben Filme und Videospiele.“
Insgesamt hatte mein Standpunkt etwas Überzeugendes, fand ich. Sogar Laura musste da zustimmen, die immer nur Bücher las und dämliche Vampirgeschichten schrieb.
„Grunz“, antwortete der Deutschlehrer.
Das war insofern seltsam, als dass er tatsächlich „grunz“ sagte, es nicht etwa grunzte, wie man von einem Grunzer etwa annehmen könnte. Ausserdem drang aus dem Schrank in der Ecke zur Antwort ein leises Quieken. Zuerst spähte ich zum Schrank, dann schaute ich mich im Zimmer um.
„Nun, es ist klar, woher Ihre Verderbtheit rührt. Auch Ihr Vater war nicht viel besser.“
Ich wollte erwidern, es sei unfair, meinen Vater ins Spiel zu bringen, aber aus dem Schrank drang wieder dieses Quieken.
„Grunz, merken Sie sich eines, grunz. Literatur interessiert so Einige. Also passen Sie auf, was Sie sagen.“
Der Deutschlehrer machte ein böses Gesicht, und der Schrank begann zu wackeln. Mich beschlich allmählich ein ungutes Gefühl.
„Sehen Sie“, versuchte ich mich händeringend rauszureden, „so negativ habe ich das Ganze ja nicht gemeint. Mir ist klar, dass es Menschen gibt, die Büchern und so weiter viel abgewinnen können, aber …“
„Wer hat etwas von Menschen gesagt?“, fragte er hinterlistig zurück.
Dann geschah es. Die Schranktüren flogen auf, und herausgestürmt kamen unzählige Schweine. Sie trugen Militärhelme und Granatengürtel um den Bauch. An ihren Klauen (oder Haxen?) waren Messer befestigt.
Ehe ich auch nur eine Bewegung machen konnte, hatten sie mich umzingelt.
Der Deutschlehrer lachte.
Gehetzt sah ich mich nach einem Fluchtweg um. Doch es schien keinen Ausweg zu geben.
„Ihr Leben verlief bisher immer einfach“, sagte er, während die Schweine immer näher rückten, „Sie kamen in den Unterricht, setzten sich und gähnten, grunz. Zuhause spielten Sie ihre vermaledeiten Videospiele oder sahen Fern.“
Dort, das hintere Fenster auf der rechten Seite … war es nicht offen?
„Doch damit ist nun Schluss. Sie müssen einsehen, dass Sie an Literatur nicht vorbeikommen.“
Und wie ich vorbeikäme.
All meinen Mut zusammenfassend, sprang ich über ein paar Schweine hinweg und aus dem Fenster. Die Aktion wäre purer Selbstmord gewesen, hätte ich nicht gewusst, dass direkt unter dem Fenster ein Baum stand. Was ich hingegen nicht wusste, war, wie dicht die Krone im Sommer spross. Ich verfing mich heillos zwischen Ästen und Blättern und hing wie eine Marionette mit verhedderten Fäden in der Luft.
„Sie können nicht vor uns fliehen“, ertönte die Stimme des Lehrers über meinem Kopf. „Wir sind überall, grunz.“
Seine Worte bewahrheiteten sich schneller, als mir lieb war. Es vergingen keine vier Sekunden, da kamen noch mehr Militärschweine über den Schulhof gerannt. Im Nu hatten sie den Baum umzingelt, in dem ich so unglücklich hing. Eines der Schweine schnappte nach meinem Fuss. Ich befreite mich keuchend aus dem Gewirr der Äste und kletterte weiter nach oben. Von unten grunzte es bedrohlich. Was ich dann tat, war zwar wenig hilfreich, aber das einzige, das mir zur Zeit einfiel.
„Georg!“, rief ich. Bitte, bitte, lass ihn nicht schon weg sein. Er ging doch immer so langsam über den Schulhof. Vielleicht war er noch da. Zu meiner unendlichen Erleichterung ertönte, wie in weiter Ferne, tatsächlich seine Stimme.
„Was ist denn los? Bist du das? Was machen diese Schweine hier?“
„Georg!“, rief ich, „Ich bin hier!“ Dabei wagte ich mich so weit wie möglich vom Stamm weg und streckte den Kopf aus der Krone.
Georg sah abwechselnd zu mir hoch und zu den Schweinen, die Hände in den Hosentaschen. Das Gesicht, das er machte, hätte ich mit dem Handy gefilmt, hätte ich nicht in dieser Scheisssituation gesteckt.
„Hol mich hier runter!“, rief ich. Es klang ziemlich kläglich. Aber das war mir egal. Nicht egal waren mir die Schweine. Zwei oder drei von ihnen bewegten sich bereits auf Georg zu. Er wich zurück.
Der Deutschlehrer lachte.
„Mach sie fertig!“, schrie ich und wäre dabei beinahe abgestürzt.
Doch für Georg sah es schlecht aus. Die Schweine stürmten so aggressiv auf ihn ein, er konnte sich nicht mehr wehren und machte sich aus dem Staub.
„Nein!“, heulte ich.
Der Deutschlehrer lachte abermals und grunzte dabei.
Ich gebärdete mich wirklich wie ein Baby.
Umso dümmer, lief unten gerade Laura vorbei. Sie hielt ein Buch in den Händen und blickte nicht auf.
Mit offenem Mund sah ich zu, wie die Militärschweine ehrfurchtsvoll vor ihr zurückwichen.
„Das Buch“, grunzte der Deutschlehrer, „das Buch macht den Menschen erst zu etwas Besonderem!“
Das Buch. Natürlich! Die Schweine taten ihr nichts, weil sie ein Buch in der Hand hielt! Oder weil sie die Lieblingsschülerin des Lehrers war? Gleichwie, wenn ich auch nur den Hauch einer Chance haben wollte, musste ich mir so schnell wie möglich ein Buch beschaffen. Aber wie?
Die Antwort segelte in weitem Bogen aus dem Fenster. Sei es, weil er seine Macht demonstrieren wollte, oder weil er sich erbarmte: der Deutschlehrer hatte damit begonnen, Bücher in Richtung Baum zu werfen. Während ich ihm offensichtlich nichtsdestotrotz eher unwichtig war (die schwersten Schinken trafen mich am Kopf), konnte man dasselbe nicht von den Büchern sagen. Sie waren alle in Watte verpackt, damit sie beim Aufprall auf dem Boden keinen Schaden nahmen. Sein Verhalten erinnerte mich an dasjenige eines Millionärs, der mit Geldscheinen um sich wirft, nur um sie später alle wieder einzusammeln.
In meiner Verzweiflung haschte ich nach den erstbesten drei oder vier Exemplaren, die angeflogen kamen. Sie rutschten mir durch die Finger, bis ich endlich eines mit beiden Händen zu fassen bekam. Atemlos linste ich auf den Titel.
Ausgerechnet Goethes „Urfaust“.
Was nun?
Ich lehnte mich nach vorne, um besser nach unten zu sehen. Die Militärschweine quiekten wütend, als sie mich erblickten. Hoffnungsvoll schwenkte ich das Buch hin und her.
Verdammte Scheisse. Es nützte nichts. Im Gegenteil. Sie quiekten nur noch morbider.
Ob sie Goethe nicht mochten? Das konnte ja wohl nicht sein.
„Sie müssen ihnen etwas vorlesen, grunz“, erklärte der Deutschlehrer. „Nur dann werden sie besänftigt.“
Er hatte seine Arme auf den Fenstersims gestützt. Dann warf er sie hoch, als hätte er eine heisse Herdplatte angefasst, und verschwand lachend und grunzend im Zimmer. Der letzte Anblick seines Gesichts – war das nicht eine Schweinsnase gewesen?
Kopfschüttelnd löste ich mich aus der eisigen Starre, die mich ergriffen hatte, und tat wie geheissen.
Ich las vor.
Las laut und deutlich vor, so deutlich, Georg hätte mich sicher ausgelacht. Georg, dieser Feigling. Doch meine Wut verpuffte schnell, als ich immer mehr in den Zeilen versank. Sie waren zwar nach wie vor sterbenslangweilig, aber sie schürten meine Hoffnung auf eine baldige Rettung.
Auf Seite zwanzig angelangt, senkte ich das Buch und sah auf die Schweine hinab.
Es hatte geklappt. Sie schliefen.
Mit klopfendem Herzen verharrte ich drei oder vier Minuten auf meinem Platz. Bis kein Zweifel mehr bestand: Goethe hatte sie besiegt. Vor Erleichterung küsste ich das Buch auf den Rücken (ich würde es nie wieder tun).
Und so entrann ich den literarischen Militärschweinen.
Tags darauf bekam ich leichtes Nervenfieber und ging für eine Weile nicht in die Schule. Das war weniger schlimm, als es klang, denn so hatte ich zumindest Zeit, mir über die kleine Ungereimtheit dieser Geschichte klar zu werden. Deutlich noch erinnerte ich mich an die Worte des Deutschlehrers und an das Verhalten der Schweine, ihre Ehrfurcht vor Literatur. Wenn ihnen all die Poesie so wichtig war, warum hatte sie dann Goethe zum Einschlafen gebracht?
Noch oft scherzte ich später mit Georg darüber. Wegen seiner Flucht war ich ihm nicht mehr böse. Schliesslich hätte ich gleich gehandelt. Und wie mich zog es ihn nach der Schule zum Glück in gänzlich unliterarische Richtungen.
Nur die Abneigung gegen Schweine und das Militär wurde ich nicht mehr los.
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